Webtagebuch vom 27. Oktober 2009
Es war wieder einmal ungefähr halb acht, als meine Liebste mich weckte. Daraufhin hatten wir ein interessantes und recht langes Gespräch darüber, … tja, was war eigentlich das Thema? Familie, und warum man sich vieles von ihr gefallen lässt? … Oder: Bin ich unsichtbarer, also auch weniger gefordert und weniger verletzlich, wenn ich korpulenter bin? Oder: Wenn man sich selbst ins Gesicht schaut, hat man den ersten Schritt zur Aufarbeitung von schwierigen Themen getan. Und: Es braucht ziemlich lange, um Ereignisse aus der Jugend aufzuarbeiten, selbst wenn man sie immer im Kopf hat. Man konserviert manchmal auch Befindlichkeiten, um die Ursachen nicht aufarbeiten zu müssen, weil man glaubt, etwas zu verlieren, wenn man es tut. Tiefschürfende psychologische Dinge also, über die wir, teils aus gegebenem Anlass, teils aus Freude am Austausch, geredet haben. Darum war es schon halb neun und entschieden zu spät, als wir dann endlich aufstanden. Zuerst habe ich die nächtlichen Tweets gelesen. Da mein ganzer Tag im Zeichen der Konstituierung des 17. deutschen Bundestagesstand, las ich das Tagesschauporträt über Heinz Riesenhuber, den Alterspräsidenten. Einen Zeitartikel über Sticheleien bei der Unterzeichnung des Koalitionsvertrags nahm ich auch noch mit. Dann las ich meine E-Mails und musste feststellen, dass einige meiner Ohrfunkkollegen doch Probleme mit der Automation hatten. Das war an einem Tag wie heute gar nicht einfach zu lösen, später würde ich kaum noch Zeit haben.
Um 9 Uhr, also praktisch gerade nach dem Aufstehen, kam eine Freundin zu uns zum Frühstück. Wir unterhielten uns über gemeinsame Bekannte, über den Bundestag, der gleich eröffnet werden sollte, und über die erwartete Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über die Höhe der Regelsätze bei Arbeitslosengeld II. Wer es noch nicht getan hat, der sollte sich, für den Fall, dass er oder sie solche Leistungen bezieht, auf tacheles.de umsehen und Anträge zur Überprüfung der Regelsätze herunterladen, ausfüllen und abgeben. Das stellt sicher, dass man das Geld auch bekommt, und zwar von Anbeginn des Leistungsbezugs an. Das alles für den Fall, dass das Gericht den jetzigen Regelsatz für verfassungswidrig erklärt.
Nach dem Frühstück habe ich mit einem Kollegen telefoniert, der vor mir die Automation gemacht hat. Kleine Fehler gab es, ich hatte eine Dateiendung nach dem Lesen der Datei nicht wieder umbenannt. Aber sonst lief die Automation. Ich suchte erstmals gezielt nach Bundestagsmitgliedern, die auch twittern, und ich hab ein paar Gefunden, denen ich folge. Dann war es 11 Uhr und die Sitzung begann.
Oh Mann, was bin ich müde, wie in den letzten Tagen auch ungefähr um diese Zeit, muss aufpassen, dass ich nicht einschlafe. Also: Ich hörte die Sitzung und telefonierte nebenbei mit Kollegen und mit Leuten die übernächste Woche zu dem 60. Geburtstag unseres Freundes kommen, den wir mehr oder weniger organisieren. Es werden erfreulicherweise immer mehr. Einer hat schon etwas musikalisches vorbereitet, was, wird erst nach dem bewussten Tag verraten. Als die Pause wegen der ersten Stimmenauszählung war, setzte ich meine Suche nach twitternden Parlamentariern fort.
Als um halb drei die Sitzung zuende war, ging die schwierige Arbeit los. Ich hatte die Sitzung mitgeschnitten, dann lud ich sie mir in mein Bearbeitungsprogramm, hörte mir alles noch einmal an, machte mir Notizen, suchte mir geeignete Stellen für O-Töne heraus. Dabei half ich einem Kollegen noch wegen der Automation. Musste die denn ausgerechnet an so Kleinigkeiten hängen? Vor allem: Es waren Kleinigkeiten, für die ich nichts konnte. Jeder kann Programmeinstellungen vornehmen, die durch meine Automationsdateien nicht geändert werden. Zum Beispiel Pfade für das Musikverzeichnis. Jeder kann sie persönlich anpassen, aber in der Automationsdatei wird ein bestimmtes Verzeichnis erwartet. Wenn man jetzt die Automation einbaut, findet man keine Musik, man muss erst wieder seine Einstellung aktualisieren. Manche Leute, die sich nicht so intensiv mit den inneren Abläufen unseres Sendeprogramms auseinandersetzen, glauben, die Automation habe einen Fehler und rufen mich dann an. Inzwischen weiß ich aber, wo meistens die Umstellungsnotwendigkeiten liegen.
Um 17 Uhr begann die Sendung 17-20, für die ich die Zusammenfassung machte. Normalerweise wird die Sendung vorproduziert. Wäre das der Fall gewesen, hätte ich keine Chance gehabt. Aber heute Machte mein Kollege die Sendung live, weshalb ich bis 19 Uhr Zeit hatte, ihm meinen Beitrag zu schicken, der in der dritten Stunde laufen sollte. Das war auch wirklich gut so. Eigentlich hätte ich noch einen Text schreiben und die O-Töne in diesen Text einbetten müssen, dann auflesen und Zusammenschneiden. Das hätte aber viel zu lange gedauert. Also sprach ich den Text aus dem FF. Bei einem Beitrag ohne O-Töne würde ich das nicht machen, es wäre zu viel Text, nicht unterbrochen, nicht immer nur ein paar Sätze und dann wieder lange Zeit zum Überlegen. Aber so funktionierte es einigermaßen. Ein bisschen Text, der nächste O-Ton. Normalisieren, also auf gemeinsame Lautstärke bringen, zusammenschneiden, nächsten Text überlegen, aufsprechen, Fehler korrigieren, O-Ton suchen, normalisieren, zusammenschneiden. Mein Beitrag wurde dann schließlich bis auf ein paar Sekunden nach eine viertel Stunde lang. Dabei konnte ich feststellen, dass mir die Antrittsrede von Norbert Lammert als Bundestagspräsident im großen und ganzen gut gefiel. Danach ging es wieder an meine Tweets.
Meine Liebste wies mich auf einen Tagesschauartikel über Florian Bernschneider, den jüngsten Bundestagsabgeordneten der neuen Legislaturperiode hin. Obwohl er für die FDP im Parlament sitzt, folgen wir ihm.
Die Taz beschrieb in einem Bericht aus dem Bundestag die Twitterparty im Parlament während der konstituierenden Sitzung. War recht interessant.
Offiziell ging mit der Entlassung heute die 11jährige Regierungsbeteiligung der SPD zuende. Schon traurig, aber die Genossen sind selber schuld. Die Tagesschau berichtet über die Entlassung der SPD-Minister.
Hoch erfreut war ich, dass das Team von Klango ankündigte, dass es am Donnerstag eine neue Version geben würde. Dann werden meine Postings hier endlich mit Links versehen, hoffe ich.
Ich genehmigte mir eine Tasse Kaffee, es war inzwischen 19 Uhr. Da kam meine Liebste auf die Idee, wir sollten vielleicht schon mal die Interviews, die sie auf der frankfurter Buchmesse gemacht hat, technisch überprüfen und auf die richtige Lautstärke bringen und durchhören. Wobei ich hinzufügte, dass ich sie dann gleich schneiden würde. Eigentlich hatte ich so was von überhaupt keine Lust, aber ich musste mir eingestehen, dass es die einzig sinnvolle Lösung war. Denn morgen und übermorgen habe ich keine Zeit, und am Freitag und Samstag wollen wir die Sendung produzieren. Also sind wir los, und ich habe die 4 Interviews bearbeitet. Als ich danach, es war inzwischen fast 20:30 Uhr, wieder an meinen Tweets vorbei kam, hatte ich eine nachricht von Christiane Link, die sagte, der Ohrfunk solle etwas zum Koalitionsvertrag machen. Das habe ich ja schon in einem Kommentar gemacht, aber es gäbe natürlich mehr zu sagen. Zum ersten mal seit Monaten haben wir daraufhin mal wieder telefoniert. Und das war ein mehr als zweistündiges Gespräch. Sie erzählte von ihrer heftigen Debatte darüber, ob man Gesetze zur Barrierefreiheit im Internet braucht, oder ob man Webdesigner einfach lieb darum bitten sollte. So ungefähr jedenfalls. Meine streitbare Freundin hat da echt eine neue Mission. Ihre Blogeinträge und all das Zubehör habe ich noch nicht gelesen, aber vielleicht schaffe ich das morgen. Jetzt bin ich zu kaputt.
Weil ich den ganzen Tag das Webtagebuch nicht mitgeführt, sondern erst heute Abend geschrieben habe, und weil ich immer wieder einnickte, habe ich dafür jetzt mehr als eine Stunde gebraucht. Jetzt ist es gleich viertel vor 1, und ich muss ins Bett. Doch halt: Was gibt es als letzte Tweets? Noch mal ein kleiner Artikel über Twitter im Bundestag von einem Mann, der für das ZDF den Wahlkampf im Web verfolgte.
Jetzt nur noch schnell einem FReund danken, der für meine erkrankte Liebste heute Abend eine Sendung übernommen hat.
Das war es für heute! Gute Nacht!